SAP Business One im Überblick: So steuern mittelständische Unternehmen ihre Prozesse ganzheitlich

Christoph Stegmiller

Gespräch mit dem CEO von iSystems, Steffen Kamphoff am 11. März 2026

Ein einziger unbedachter Klick, ein falsch gesetztes Häkchen in einer komplexen Cloud-Konfiguration – und binnen Sekunden kann das wertvollste digitale Kapital eines Industrieunternehmens exponiert sein. Während in der Prozessfertigung jede Charge physisch kontrolliert wird, entscheidet im Hintergrund die Architektur der IT darüber, wie belastbar Datenhoheit, Kostenkontrolle und Handlungsfähigkeit tatsächlich sind. Gerade für Unternehmen mit sensiblen Rezepturen, validierten Prozessen und stabil laufenden ERP-Systemen ist die Frage nach Cloud, On-Premise oder Colocation deshalb keine Geschmacksfrage, sondern eine strategische Entscheidung.

“Die Wahl des ERP-Betriebsmodells ist ja keine rein technische Frage mehr, sondern eher eine strategische Weichenstellung für die Wettbewerbsfähigkeit.”

– Christoph Stegmiller 

 

Der strategische Imperativ: Warum IT-Infrastruktur 2026 zur Überlebensfrage wird

Die Ära eines blinden Cloud-First-Reflexes ist vorbei. Infrastrukturentscheidungen werden heute nicht mehr isoliert in der IT-Abteilung getroffen, sondern zunehmend auf Geschäftsführungs- und Vorstandsebene diskutiert. Der Grund: Die Entscheidung über das Betriebsmodell berührt drei zentrale Achsen zugleich – Wirtschaftlichkeit, Regulierung und technologische Zukunftssicherheit.

Gerade in der Prozessindustrie sind die Rahmenbedingungen besonders anspruchsvoll. Produktionsnahe ERP-Systeme laufen oft mit konstant hoher Last, müssen zuverlässig mit Qualitätsdaten, Chargeninformationen und Produktionssystemen interagieren und zugleich regulatorisch sauber aufgestellt sein. Die Frage lautet daher nicht mehr nur, was technisch möglich ist, sondern welches Modell langfristig belastbar bleibt.

Die ökonomische Ernüchterung: Wenn die Cloud teurer wird als erwartet

Das klassische Cloud-Versprechen klingt verlockend: geringe Einstiegskosten, flexible Skalierung, weniger Hardwarebindung. In der Realität kippt diese Rechnung jedoch häufig, sobald ein Unternehmen stabile Lastprofile und dauerhaft laufende Kernsysteme betreibt. Genau das ist bei ERP-Landschaften in der Prozessfertigung eher die Regel als die Ausnahme.

“Über einen Zeitraum von drei, fünf Jahren gerechnet ist die Public Cloud in der Regel sogar teurer, als wenn ich mir das Blech nehme und es bei mir in den Serverraum stelle oder in ein Rechenzentrum.”

– Steffen Kamphoff 

 

Der entscheidende Unterschied liegt weniger in der Technik als in der Bilanzlogik: Public-Cloud-Modelle verschieben Ausgaben in laufende Betriebskosten, während On-Premise- oder Private-Cloud-Modelle investiv gedacht werden können. Für Unternehmen mit gleichbleibender Last bedeutet das oft mehr Kalkulationssicherheit – insbesondere dann, wenn Preisänderungen der großen Hyperscaler zum dauerhaften Risiko werden.

“Wenn ich eine gleichbleibende Last auf den Systemen habe, ist eine On-Prem- oder Private-Cloud-Lösung mit Colocation in der Regel günstiger und wirtschaftlicher als eine Public Cloud.”

– Steffen Kamphoff 

 

Kostenfaktoren im Vergleich

Kostenfaktor

On-Premise / Private Cloud

Public Cloud

Strategische Implikation

Grundkosten

Hohe Initialinvestition (CapEx)

Geringe Einstiegskosten (OpEx)

Liquidität vs. Langfristinvestition

Skalierung

Hardwarekauf oder Ausbau nötig

Sofortige Erhöhung der Monatsgebühr

Flexibilität vs. Investitionsschutz

Datentransfer

Typisch planbar / inklusive

Variable Egress Fees möglich

Risiko bei datenintensiven Integrationen

Wartung

Internes Know-how oder Partner nötig

Plattformbetrieb durch Anbieter, Systembetrieb bleibt beim Kunden

Outsourcing ersetzt keine Betriebsverantwortung

 

Regulatorik und Datensouveränität: Warum der Speicherort allein nicht reicht

Mit EU Data Act, NIS2, DORA, GxP und branchenspezifischen Compliance-Vorgaben ist die Infrastrukturfrage auch juristisch aufgeladen. Für viele Prozessfertiger reicht es nicht mehr aus, dass Daten "in Europa" liegen. Entscheidend ist, wer rechtlich und technisch Zugriff auf diese Daten erhalten kann – und unter welchen Bedingungen.

“Wenn ich mit Azure oder Amazon arbeite, kann es dazu führen, dass ich aufgrund des U.S. CLOUD Act in das Problem reinlaufe, dass die amerikanische Regierung sich das Recht rausnimmt, auf die Daten zuzugreifen.”

– Steffen Kamphoff 

 

Gerade für Unternehmen mit Rezepturen, Patientendaten, Qualitätsdokumentation oder personenbezogenen Kundendaten ist das kein abstraktes Detail. Datensouveränität bedeutet in diesem Kontext nicht nur Datenschutz, sondern die Fähigkeit, Zugriffspfade, Verantwortlichkeiten und Risiken nachweisbar zu kontrollieren.

“An der Stelle habe ich natürlich einen Riesenvorteil, wenn mir die Hardware gehört oder sie in meinem gemieteten Rechenzentrum steht. Ich unterliege dem U.S. CLOUD Act nicht.”

– Steffen Kamphoff 

 

Die drei Betriebsmodelle sauber eingeordnet

Eine belastbare Infrastrukturstrategie beginnt mit einer klaren Begriffsabgrenzung. In vielen Diskussionen werden On-Premise, Private Cloud und Public Cloud unscharf verwendet. Das Webinar hat hier einen wichtigen Punkt gesetzt: Nicht jede Cloud ist automatisch gleich zu bewerten.

“Public Cloud heißt ganz klar: Die Daten oder die Anwendung liegen auf der Hardware von jemand anderem irgendwo verteilt in einem Rechenzentrum.”

– Steffen Kamphoff 

 

“On-Prem ist am Ende des Tages eigentlich nichts anderes als die Private Cloud. Der Unterschied ist: Wo steht mein Server?”

– Steffen Kamphoff 

 

On-Premise: maximale physische und logische Kontrolle

Beim On-Premise-Modell liegen Hardware, Software und Netzwerkkonfiguration in der vollständigen Verantwortung des Unternehmens oder eines beauftragten Partners. Das ist aufwendiger, bietet aber maximale Kontrolle – etwa für hochspezialisierte Altanwendungen, sensible Produktionsanbindungen oder validierte Umgebungen.

Public Cloud: schnell, elastisch, aber nicht immer passend

Die Public Cloud spielt ihre Stärken dort aus, wo Lasten schwanken, Services standardisierbar sind und schnelle Skalierung im Vordergrund steht. Für stark individualisierte ERP-Landschaften in der Prozessindustrie kann genau diese Standardisierung jedoch zur Grenze werden.

Private Cloud / Colocation: der pragmatische Mittelweg

Die Hosted Private Cloud verbindet Virtualisierung und professionellen Rechenzentrumsbetrieb mit exklusiver Umgebung und hoher Datenkontrolle. Gerade für mittelständische Unternehmen ist das häufig der wirtschaftlich und organisatorisch sinnvollste Kompromiss.

Einblicke aus dem Maschinenraum: Was die Praxis anders bewertet als das Marketing

Besonders wertvoll am Webinar war der Blick aus der operativen Praxis. Steffen Kamphoff, der als Geschäftsführer mehrere Rechenzentren verantwortet, hat nicht aus PowerPoint-Perspektive argumentiert, sondern aus dem Betriebsalltag. Seine Kernaussage: Die Realität liegt oft quer zu den bekannten Marktversprechen.

So ist Public Cloud keineswegs automatisch wartungsfrei. Auch dort müssen Systeme gepflegt, aktualisiert, überwacht und abgesichert werden. Was der Anbieter liefert, ist in vielen Fällen die Plattform – nicht der vollständige Betrieb der Fachanwendung.

“Ein Azure-System wartet sich nicht von alleine. Auch dort muss ich Updates installieren und schauen, dass mein System vernünftig gemanagt wird.”

– Steffen Kamphoff 

 

Exit-Strategien statt Lock-in: Der oft vergessene Prüfpunkt

Ein Punkt, der in vielen Strategiediskussionen zu kurz kommt, ist die Exit-Fähigkeit. Was passiert, wenn Preise steigen, Services eingestellt werden oder zentrale Komponenten der Core-IT plötzlich in eine einseitige Abhängigkeit geraten? Gerade hier zeigt sich, ob eine Architektur wirklich souverän ist.

“Ich liefere mich mit meiner Core-Infrastruktur maßgeblich der Preispolitik von Microsoft aus.”

– Steffen Kamphoff 

 

“Ich kann die Uhr danach stellen, wann mein Betrieb teurer wird – sofern ich mir nicht vorher eine Exit-Strategie überlegt habe.”

– Steffen Kamphoff 

 

Für Entscheider heißt das: Nicht nur die Einstiegskosten und die Migrationsfrage müssen bewertet werden, sondern auch die Reißleine. Wer Systeme nicht mit vertretbarem Aufwand zurückholen, verlagern oder ersetzen kann, verliert strategische Beweglichkeit.

ERP in der Prozessfertigung: Rezepturen, Traceability und OT-Anbindung

ERP-Systeme in der Prozessindustrie unterscheiden sich fundamental von klassischen Lösungen in der diskreten Fertigung. Hier stehen Rezepturen, Chargenlogik, Qualitätsfreigaben und die Integration zur Produktion im Mittelpunkt. Ein Ausfall betrifft nicht nur Verwaltung, sondern unmittelbar die Produktionsfähigkeit.

Besonders kritisch sind daher drei Themen: Schutz sensibler Rezepturen, lückenlose Rückverfolgbarkeit und stabile OT-Anbindung. Je stärker diese Faktoren ausgeprägt sind, desto sinnvoller werden Infrastrukturen mit hoher Kontrolle, geringer Latenz und klarer Key-Hoheit.

Welche Architektur passt zu welcher Anforderung?

Anforderung in der Prozessfertigung

Infrastrukturrelevanz

Tendenziell beste Wahl

Rezepturschutz

Physische Isolation und Hoheit über Schlüssel / Zugriffe

Private Cloud / On-Premise

Chargen-Traceability

Hohe Verfügbarkeit und saubere Dokumentation

Private Cloud

OT-Anbindung

Niedrige Latenz und robuste Anbindung an Produktion

On-Premise / Edge-nahe Architektur

Regulatorik

Validierbare Umgebung und kontrollierte Änderungen

On-Premise / Private Cloud

Skalierbare Zusatzdienste

Schnelle Bereitstellung bei weniger kritischen Workloads

Public Cloud / Hybrid

 

Die Hybrid-Strategie als Königsweg

Für viele mittelständische Unternehmen führt die sauberste Antwort weder in die vollständige Auslagerung noch in den dogmatischen Eigenbetrieb. Der sinnvollste Weg ist häufig eine differenzierte Hybridstrategie: ERP-Kern, Rezepturen und produktionsnahe Daten bleiben in einer kontrollierten On-Premise- oder Private-Cloud-Umgebung; mobile Services, Collaboration oder ausgewählte Zusatzmodule können flexibel aus der Cloud bezogen werden.

“Evaluiert es nicht auf Basis des Gesamtkonzeptes, sondern schaut, an welchen Stellen eurer IT es Sinn macht, Dinge in die Cloud zu überführen.”

– Steffen Kamphoff 

 

Genau diese Trennung reduziert Risiken, ohne Innovationsfähigkeit zu blockieren. Sie schafft die Möglichkeit, Cloud dort gezielt einzusetzen, wo sie tatsächlich Mehrwert bringt – und nicht dort, wo sie lediglich einem Standardnarrativ folgt.

Orientierung für Entscheider: Wann Cloud nicht die beste Wahl ist

Die Public Cloud stößt dort an Grenzen, wo Latenz kritisch ist, Datenhoheit nicht verhandelbar bleibt, Lastprofile über lange Zeit konstant laufen oder tiefe Individualisierungen notwendig sind. In diesen Fällen sind On-Premise oder Private Cloud nicht altmodisch, sondern wirtschaftlich und strategisch oft die robustere Entscheidung.

“Hinterfragt, für welche Teile der IT diese Strategie tatsächlich sinnvoll ist.”

– Steffen Kamphoff 

 

Fazit: Die Rückkehr der strategischen Infrastruktur

Die Entscheidung zwischen On-Premise, Private Cloud und Public Cloud ist keine technologische Glaubensfrage. Sie ist die Entscheidung darüber, wie viel Souveränität ein Unternehmen bei Kosten, Daten und Betriebsfähigkeit behalten will. Gerade in der modernen Prozessindustrie wird Infrastruktur damit wieder zu dem, was sie eigentlich immer war: das Fundament für Vertrauen, Resilienz und Wertschöpfung.

Wer heute kontrollierbare, belastbare und ökonomisch nachvollziehbare Architekturen aufbaut, sichert sich nicht nur Stabilität im Tagesgeschäft, sondern vor allem strategische Handlungsfreiheit. Die Cloud ist ein Werkzeug. Der eigentliche Maßstab ist, ob ein Unternehmen den Schlüssel zu seinen kritischen Systemen und Daten selbst in der Hand behält.

 

Das vollständige Interview können Sie sich hier ansehen: https://bit.ly/4cjSqeU

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